Kontakt

Gefäßchirurgie

Nachrichtendetail

Kann KI Medizin oder rechnet sie nur?

Herforder Herbstgespräch der Kreiskliniken Herford-Bünde: Rund 200 Gäste diskutierten im Marta Herford über Chancen, Grenzen und den verantwortungsvollen Einsatz Künstlicher Intelligenz in der Medizin.

Ein humanoider Roboter, der charmant die Gäste begrüßt und gleich noch eine kleine Tanzeinlage aufs Parkett legt: Der Auftakt des Herforder Herbstgesprächs der Kreiskliniken Herford-Bünde (KKHB) war durchaus programmatisch. Die Zukunft der Medizin war an diesem Abend im Marta Herford nicht nur Gesprächsthema, sie stand bereits auf eigenen Beinen im Raum. Als Überraschungsgast sorgte der Roboter der Firma Terra Connect für staunende Gesichter und einen unterhaltsamen Einstieg in ein Thema, das anschließend von rund 200 Gästen aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet wurde: Was bringt Künstliche Intelligenz wirklich für Klinik und Praxis?

Im Mittelpunkt standen technologische Möglichkeiten, konkrete Anwendungen und gesellschaftliche Verantwortung – und damit die entscheidende Frage, wie aus digitalem Fortschritt eine bessere medizinische Versorgung wird.

Dass diese Frage keine einfachen Antworten bereithält, machten bereits die Grußworte deutlich. Landrat Mirco Schmidt warb dafür, bei aller Begeisterung für die rasante Entwicklung der Künstlichen Intelligenz den eigentlichen Maßstab nicht aus den Augen zu verlieren: den Menschen. KI könne Bilder analysieren, Muster erkennen und riesige Datenmengen in kürzester Zeit verarbeiten. Entscheidend sei aber, ob Diagnosen früher gestellt, Pflegekräfte von unnötiger Dokumentation entlastet und Ärztinnen und Ärzte in die Lage versetzt würden, mehr Zeit für ihre Patientinnen und Patienten zu haben.

„Wenn KI tatsächlich Zeit spart – wem gehört dann diese gewonnene Zeit?“, fragte Schmidt. Seine Antwort war zugleich ein Leitgedanke des Abends: Die gewonnene Zeit müsse vor allem den Menschen zugutekommen, die medizinische Hilfe benötigen.

Dr. Andreas Schroeder, Medizinischer Vorstand der KKHB, lenkte den Blick auf die praktische Umsetzung. KI sei längst in der Medizin angekommen. Entscheidend sei aber, ob neue Anwendungen den Klinikalltag tatsächlich erleichtern und die Versorgung verbessern. „Wir brauchen keine KI, die beeindruckende Antworten auf Fragen liefert, die im Klinikalltag niemand gestellt hat“, betonte Schroeder. Gefragt seien Lösungen, die konkrete Probleme lösen, Beschäftigte entlasten und sich in bestehende Abläufe integrieren lassen. Für den kommunalen Klinikverbund sei KI deshalb ein wichtiger möglicher Baustein, aber kein Allheilmittel gegen Fachkräftemangel und wirtschaftliche Herausforderungen.

Vom medizinischen Potenzial zur konkreten Anwendung

Wie rasant sich die technologischen Möglichkeiten entwickeln, zeigte Professor Stefan Gröner, Zukunftsforscher und Experte für Digitalisierung und Künstliche Intelligenz im Gesundheitswesen. In seinem Vortrag „Künstliche Intelligenz in der Medizin von morgen: Chancen und Herausforderungen“ ordnete er die Entwicklung in die großen Fortschritte der modernen Medizin ein. Individualisierte Therapien und Immuntherapien gegen Krebs seien Beispiele dafür, wie sehr sich medizinische Möglichkeiten bereits verändert hätten. KI könne diese Entwicklung weiter vorantreiben, etwa indem sie große Datenmengen analysiert, Zusammenhänge erkennt und neue diagnostische Perspektiven eröffnet.

Doch Gröner warnte davor, Technologie und medizinische Kompetenz gegeneinander auszuspielen. Die Zukunft liege in ihrer Verbindung: Technisches Verständnis müsse mit ärztlicher Erfahrung, Empathie und kritischem Urteilsvermögen zusammenkommen. Seine zugespitzte Botschaft: „Künstliche Intelligenz wird dich nicht ersetzen, aber derjenige, der KI besser nutzen wird, wird dich ersetzen.“ Für die Medizin von morgen seien deshalb drei Kompetenzen entscheidend: Datenkompetenz, KI-Kompetenz und kritisches Denken.

Wie KI bereits heute den gesamten Behandlungsprozess unterstützen kann, demonstrierte Dr. Christoph Polkowski, stellvertretender CMIO und Leiter der Core Facility KI am University Center for Digital Healthcare der Universitätsmedizin Frankfurt. Anhand eines fiktiven Patientenfalls führte er das Publikum durch die verschiedenen Stationen eines KI-unterstützten Behandlungsprozesses. Das Spektrum reichte von der Transkription des Arzt-Patienten-Gesprächs über Anwendungen in der radiologischen Diagnostik, den Einsatz im OP und in der Pathologie sowie die Erstellung des Entlassbriefes.

Damit wurde anschaulich, dass KI weit mehr ist als ein Werkzeug für einzelne diagnostische Aufgaben. Richtig eingebunden kann sie Informationen strukturieren, Prozesse unterstützen und die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Bereichen erleichtern. Das Potenzial reicht von Forschung und Lehre bis zur Patientenversorgung und Koordination. Entscheidend sei allerdings, dass die Anwendungen sinnvoll ineinandergreifen und den klinischen Alltag tatsächlich verbessern. Denn viele digitale Einzellösungen ergeben noch keine vernetzte Versorgung.

Krankheit erkennen ist nicht dasselbe wie Kranksein verstehen

Den vielleicht grundlegendsten Perspektivwechsel lieferte Professor Giovanni Maio, Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und Mitglied des Ausschusses für ethische und juristische Grundsatzfragen der Bundesärztekammer. In seinem Impuls „Menschlichkeit, Verantwortung und Grenzen technologischen Fortschritts“ ging er der Frage nach, was den Menschen auch in einer zunehmend digitalisierten Medizin unverzichtbar macht.

„KI kann rechnen, aber intelligent ist sie nicht“, lautete eine seiner zentralen Thesen. Algorithmen könnten Daten mit beeindruckender Geschwindigkeit auswerten. Doch sie wüssten nicht, was die Ergebnisse bedeuten. Dafür brauche es menschliche Urteilskraft und die Fähigkeit, Befunde in einen größeren Zusammenhang einzuordnen.

Besonders eindrücklich war Maios Unterscheidung zwischen Krankheit und Kranksein: Eine KI könne eine Krankheit diagnostizieren. Was diese Diagnose für den betroffenen Menschen bedeutet, könne sie jedoch nicht erfassen. Sie erkenne den Befund, nicht die Angst; sie analysiere die Krankheit, verstehe aber nicht das persönliche Erleben des Krankseins.

Daraus leitete Maio einen klaren Anspruch ab: KI sollte dort eingesetzt werden, wo sie dem Menschen überlegen ist – etwa bei der Auswertung komplexer Daten. Die Deutung der Ergebnisse, die Abwägung individueller Situationen und die Verantwortung für medizinische Entscheidungen müssten beim Menschen bleiben. Seine Formel dafür: „So viel KI wie nötig, so viel klinische Intelligenz wie möglich.“

Fortschritt braucht Verantwortung

In der von Fernsehjournalistin Brigitte Büscher moderierten Diskussion wurden die drei Perspektiven zusammengeführt. Dabei zeigte sich: Die entscheidende Frage ist nicht, wie viel KI sich in die Medizin integrieren lässt, sondern wo ihr Einsatz einen echten Mehrwert schafft. Technologische Leistungsfähigkeit allein reicht nicht. Es braucht verlässliche Anwendungen, geschützte Daten, klare Verantwortlichkeiten und vor allem Menschen, die Ergebnisse kritisch beurteilen können.

Musikalische Akzente setzte das Duo der Nordwestdeutschen Philharmonie mit Yunran Kim an der Violine und Damir Ochaev am Violoncello. Werke von Joseph Haydn, Pēteris Vasks und Leonid Gorokhov rahmten die fachlichen Impulse und verliehen dem Abend eine besondere Atmosphäre.

Das Herforder Herbstgespräch hat eine wichtige Perspektive auf die Medizin von morgen eröffnet: Künstliche Intelligenz ist weder Heilsversprechen noch Bedrohung, sondern ein mächtiges Werkzeug. Was daraus wird, entscheidet sich nicht allein in den Laboren der Entwickler oder in den Rechenzentren, sondern im Zusammenspiel mit den Menschen, die Medizin gestalten und auf sie angewiesen sind.

Der Roboter vom Beginn des Abends konnte tanzen, freundlich grüßen und für Begeisterung sorgen. Ob er auch zuhören, mitfühlen und einem kranken Menschen in einer schwierigen Situation Orientierung geben kann, ist eine andere Frage. Genau darin liegt die Grenze, aber auch die Chance der KI in der Medizin: Sie soll den Menschen nicht ersetzen, sondern ihm mehr Möglichkeiten geben, für andere Menschen da zu sein.

Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis dieses Abends: Die Zukunft der Medizin entscheidet sich nicht daran, wie intelligent unsere Maschinen werden, sondern daran, wie klug wir Menschen mit ihnen umgehen.